Gedanken zum Volkstrauertag

von Bürgermeister Frank Ulrichs



Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

in diesem Jahr ist vieles anders. Genau genommen ist nichts mehr so wie vorher. Unser aller Leben steht unter dem Eindruck und den Zwängen der Corona-Pandemie. Für viele von uns ist diese Zeit nicht nur mit erheblichen Lebenseinschnit­ten und der Angst um die eigene Gesundheit oder die der Angehörigen verbun­den; oft steht auch die berufliche Existenz auf dem Spiel. Diese anhaltenden Be­drohungen durch die Pandemie, einhergehend mit sozialer Isolierung, ziehen mitunter auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit nach sich. Der Ge­danke, nicht wenigstens das Weihnachtsfest auch nur annähernd wie gewohnt im Kreise seiner Liebsten feiern zu können, dürfte für manch einen unvorstellbar sein.

 

Am kommenden Sonntag jährt sich der Volkstrauertag. Normalerweise würden wir in der Friedhofskapelle zu einer Gedenkstunde zusammenkommen und die­sen Tag gemeinsam begehen. Zugegeben, unter den vielen Gedenk- und Feier­tagen, die 2020 nicht so begangen werden konnten wie in den Vorjahren, landet der Volkstrauertag bei den meisten von uns wahrscheinlich nicht auf den vorde­ren Rängen der diesjährigen „verlorenen“ Gedenk- bzw. Feiertage, die im Kalen­der einen besonderen Platz einnehmen. Dennoch sollte gerade in diesen Tagen der Volkstrauertag auch nicht einfach unter den Tisch fallen.

 

Der Volkstrauertag wurde vor etwas mehr als einhundert Jahren, 1919, vom im selben Jahr gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenk­tag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. Drei Jahre später erfolgte eine Gedenkstunde im Deutschen Reichstag. 1925 wurde der Volkstrauertag erstmals als offizieller Gedenktag begangen. Heute erinnert der Volkstrauertag nicht mehr nur an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, sondern an die Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen. In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal.

 

Alljährlich – das gehört zum Volkstrauertag scheinbar dazu – stellt sich die Frage nach dem Sinn dieses Gedenktages. Brauchen wir, nachdem wir zum Glück so lange keinen Krieg in unserem eigenen Land hatten, überhaupt noch einen Volks-trauertag? 75 Jahre sind eine lange Zeit.

 

Ich meine schon! Krieg, Gewalt, Terror, Verletzung der Menschenrechte, Vorur­teile, Fanatismus und Intoleranz sind heute so aktuell wie lange nicht mehr und stellen eine nicht zu unterschätzende globale Bedrohung aller wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Errungenschaften in der Welt dar.

 

Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens, aber er ist auch ein Tag der kriti­schen Reflexion, des Auseinandersetzens mit den Gegebenheiten unserer Zeit und unserer Zukunft. Denn wir schauen heute nicht nur zurück, sondern auch voraus auf die Bewahrung des Friedens, unserer Demokratie und der Menschen­rechte.

 

Dass wir seit einem Dreivierteljahrhundert in Deutschland und Europa in Frieden leben können, ist ein Glücksfall. In vielen Regionen dieser Welt sieht es anders aus. Denn Kriege und Opfer von Gewaltherrschaft sind auch heute noch allge­genwärtig. Das ist die tatsächliche, die traurige Botschaft des Volkstrauertages. Oft sind die Berichte aus den Kriegs- und Krisengebieten nur Randthemen, wenig mehr als kurze Notizen in den Abendnachrichten. In diesem Jahr müssen sich diese Konflikte in der öffentlichen Beachtung nochmals anderen, neuen Prioritä­ten unterordnen. Aber gleichwohl bestehen sie fort, eskalieren und arten aus in neue kriegerische Auseinandersetzungen, mit neuer Gewalt und mit vielen wei­teren Opfern. Die gegenwärtige Pandemie stört dabei nicht nur deren Wahrneh­mung, sondern sie erhöht augenscheinlich sogar die Gefahr neuer Kontroversen und Spaltungen. Zudem kommen Friedensverhandlungen und humanitäre Initi­ativen durch die Corona-Krise zum Erliegen.

Und in Deutschland und Europa? Hier scheinen Kriege zwischen den einzelnen Staaten inzwischen keine Gefahr mehr darzustellen. Aber wir müssen sehr auf­merksam bleiben – wehret den Anfängen, heißt es schön.

 

Doch befinden wir uns überhaupt noch in den Anfängen? Haben wir selbst in Europa – wie auch in den USA – nicht genügend geistige Brandstifter, deren furchtbaren Worten inzwischen auch abscheuliche Taten folgen? Auch wenn ei­ner dieser Brandstifter jenseits des großen Teiches gerade abgewählt wurde, be­deutet das nicht, dass deren den Weltfrieden gefährdendes Gedankengut so­gleich aus der Gesellschaft und aus den Köpfen verschwunden ist. Erst vor weni­gen Tagen forderte der einstige Gefährte des abgewählten amerikanischen Staatsoberhauptes, Stephen Bannon, die Enthauptung des Immunologen Anthony Fauci. Gewalt, Bedrohungen und öffentliche Hetze Dritten gegenüber scheinen in bestimmten Kreisen mittlerweile wieder salonfähig zu werden.

 

Diese Entwicklung macht auch vor Deutschland nicht halt. Die Ermordung Walter Lübckes oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle im letzten Jahr waren nur die entsetzlichen Höhepunkte. Die zunehmende Gewaltbereitschaft gegen Poli­tiker, gegen Journalisten, Rettungskräfte, Polizisten und Andersdenkende sind ein Angriff auf uns alle. Wenn Demonstranten bei dem Hinweis, dass sie mit Na­tionalsozialisten marschieren, nur mit der Schulter zucken und sagen, sie können sich nicht aussuchen, mit wem sie demonstrieren, wie jüngst in Leipzig, offenbart das eine sehr gefährliche Entwicklung und Gleichgültigkeit dieser Teile der Ge­sellschaft. Getreu dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wer es als hinnehmbar empfindet, mit Extremisten und anderen Menschenfeinden zu demonstrieren, sollte in sich gehen und überlegen, ob er wirklich noch für das Grundgesetz und für eine demokratische, freie und pluralistische Gesellschaft einsteht.

 

Der Volkstrauertag zeigt nicht zuletzt, dass ein friedliches Zusammenleben nicht einfach als gegeben und selbstverständlich angesehen werden kann, sondern dass stets darum gerungen werden muss. Besonders auch in diesen Tagen.

 

Deswegen ist der Volkstrauertag nicht veraltet, sondern muss im Lichte der ak­tuellen Entwicklungen und Geschehnisse in der Welt betrachtet werden.

 

Wir müssen uns der Verantwortung stellen und dürfen sichtbaren Fehlentwick­lungen gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Diese immerwährende Verpflich­tung muss auch in unserem Alltag präsent sein und uns dazu anhalten, eine Ge­sellschaft aufzubauen, die von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Humanität geprägt ist.

 

Norderney, im November 2020

 

Der Bürgermeister

Frank Ulrichs

Stadt Norderney

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